Märchen

Die verzauberte Prinzessin

Die verzauberte Prinzessin

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„Die verzauberte Prinzessin“ ist ein eher unbekanntes Märchen aus dem „Deutschen Märchenbuch“ von Ludwig Bechstein, obwohl die Geschichte – das Bestehen von Prüfungen, um eine schöne Prinzessin zu retten – an sich oft erzählt wird. So versucht zunächst der böse Sohn eines armen Handwerkers sein Glück, um die Prinzessin zu befreien. Da er auf seinem Weg zum Schloss mit seinem Pferd einen Ameisenhaufen zertritt, Enten tötet und einen Bienenstock zerstört, steht er in den darauffolgenden Prüfungen alleine da und verliert sein Leben. Dann versucht der gute Bruder Hans, den man für dumm hält, sein Glück und im Gegensatz zu seinem Bruder hilft er den Tieren unterwegs. Diese helfen ihm daraufhin während der Prüfungen, wodurch die verzauberte Prinzessin erlöst wird.

Woher das Märchen stammt ist unklar. Es weist Ähnlichkeiten mit einigen Märchen der Brüder Grimm auf.

Autor:

Erschienen:
Deutsches Märchenbuch von Ludwig Bechstein

Zusammenfassung / Text:

Es war einmal ein armer Handwerksmann, der hatte zwei Söhne, einen guten, der hieß Hans, und einen bösen, der hieß Helmerich. Wie das aber wohl geht in der Welt, der Vater hätte den bösen mehr lieb als den guten.

Nun begab es sich, dass das Jahr einmal ein mehr als gewöhnlich teures war und dem Meister der Beutel leer ward. Ei! dachte er, man muss zu leben wissen. Sind die Kunden doch so oft zu dir gekommen, nun ist es an dir höflich zu sein und dich zu ihnen zu bemühen. Gesagt getan.

Früh morgens zog er aus und klopfte an mancher stattlichen Tür; aber wie es sich denn so trifft, dass die stattlichsten Herren nicht die besten Zahler sind, die Rechnung zu bezahlen hatte niemand Lust. So kam der Handwerksmann müde und matt des Abends in seine Heimat und trübselig setzte er sich vor die Türe der Schenke ganz allein, denn er hatte weder das Herz mit den Zechgästen zu plaudern, noch freute er sich sehr auf das lange Gesicht seines Weibes. Aber wie er da saß in Gedanken versunken, konnte er doch nicht lassen hinzuhören auf das Gespräch, das drinnen geführt ward.

Ein fremder erzählt von einem Zauberer, der die Prinzessin gefangen hielt

Ein Fremder, der eben aus der Hauptstadt angelangt war, erzählte, dass die schöne Königstochter von einem bösen Zauberer gefangen gesetzt sei und müsse im Kerker bleiben ihr lebelang, wenn nicht jemand sich fände der die drei Proben löste, welche der Zauberer gesetzt hatte. Fände sich aber einer, so wäre die Prinzessin sein und ihr ganzes herrliches Schloss mit all seinen Schätzen.
Das hörte der Meister an zuerst mit halbem Ohr, dann mit dem ganzen und zuletzt mit allen beiden, denn er dachte: mein Sohn Helmerich ist ein aufgeweckter Kopf, der wohl den Ziegenbock barbieren möchte, so dass einer von ihm heischte; was gilt’s, er löst die Proben und wird der Gemahl der schönen Prinzessin und Herr über Land und Leute. Denn also hatte der König, ihr Vater, verkündigen lassen.
Schleunig kehrte er nach Haus und vergaß seine Schulden und Kunden über der neuen Mär, die er eilig seiner Frau hinterbrachte. Des andern Morgens schon sprach er zum Helmerich, dass er ihn mit Roß und Wehr ausrüsten wolle zu der Fahrt, und wie schnell machte der sich auf die Reise! Als er Abschied nahm, versprach er seinen Eltern, er wolle sie samt dem dummen Bruder Hans gleich holen lassen in einem sechsspännigen Wagen; denn er meinte schon, er wäre König. Übermütig wie er dahinzog, ließ er seinen Mutwillen aus an allem, was ihm in den Weg kam. Die Vögel, die auf den Zweigen saßen und den Herrgott lobten mit Gesang wie sie es verstanden, scheuchte er mit der Gerte von den Ästen und kein Getier kam ihm in den Weg, daran er nicht seinen Schabernack ausgelassen hätte. Und zum ersten begegnete er einem Ameisenhaufen; den ließ er sein Roß zertreten, und die Ameisen, die erzürnt an sein Roß und an ihn selbst krochen und Pferd und Mann bissen, erschlug und erdrückte er alle.

Weiter kam er an einen klaren Teich, in dem schwammen zwölf Enten. Helmerich lockte sie ans Ufer und tötete deren elf, nur die zwölfte entkam. Endlich traf er auch einen schönen Bienenstock; da machte er es den Bienen wie er es den Ameisen gemacht. Und so war seine Freude die unschuldige Kreatur nicht sich zum Nutzen, sondern aus bloßer Tücke zu plagen und zu zerstören.

Eile mit Weile

Als Helmerich nun bei sinkender Sonne das prächtige Schloss erreicht hatte, darin die Prinzessin verzaubert war, klopfte er gewaltig an die geschlossene Pforte. Alles war still; immer heftiger pochte der Reiter. Endlich tat sich ein Schiebefenster auf und hervor sah ein altes Mütterlein mit spinnewebfarbigem Gesichte, die fragte verdrießlich, was er begehre. „Die Prinzessin will ich erlösen“, rief Helmerich, „geschwind macht mir auf.“ „Eile mit Weile, mein Sohn“, sprach die Alte; „morgen ist auch ein Tag, um neun Uhr werde ich dich hier erwarten.“ Damit schloss sie den Schalter.

Am andern Morgen um neun Uhr, als Helmerich wieder erschien, stand das Mütterchen schon seiner gewärtig mit einem Fäßchen voll Leinsamen, den sie ausstreute auf eine schöne Wiese. „Lies die Körner zusammen“, sprach sie zu dem Reiter, „in einer Stunde komme ich wieder, da muss die Arbeit getan sein.“ – Helmerich aber dachte, das sei ein alberner Spaß und lohne es nicht sich darum zu bücken; er ging derweil spazieren und als die Alte wiederkam, war das Fäßchen so leer wie vorher.

„Das ist nicht gut“,

sagte sie.

Darauf nahm sie zwölf goldene Schlüsselchen aus der Tasche und warf sie einzeln in den tiefen dunklen Schlossteich. „Hole die Schlüssel herauf“, sprach sie, „in einer Stunde komme ich wieder, da muss die Arbeit getan sein.“ Helmerich lachte und tat wie vorher.
Als die Alte wiederkam und auch diese Aufgabe nicht gelöst war, da rief sie zweimal:

„Nicht gut! nicht gut!“

Doch nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn die Treppe hinauf in den großen Saal des Schlosses; da saßen drei Frauenbilder, alle drei in dichte Schleier verhüllt. „Wähle, mein Sohn“, sprach die Alte, „aber sieh dich vor, dass du recht wählst. In einer Stunde komme ich wieder.“ Helmerich war nicht klüger, da sie wiederkam als da sie wegging; übermütig aber rief er aufs Geradewohl: „Die zur Rechten wähl ich.“ – Da warfen alle drei die Schleier zurück; in der Mitte saß die holdselige Prinzessin, rechts und links zwei scheußliche Drachen, und der zur Rechten packte den Helmerich in seine Krallen und warf ihn durch das Fenster in den tiefen Abgrund.

Hans versucht sein Glück

Ein Jahr war verflossen seit Helmerich ausgezogen die Prinzessin zu erlösen und noch immer war bei den Eltern kein sechsspänniger Wagen angelangt. „Ach!“ sprach der Vater, „wäre nur der ungeschickte Hans ausgezogen statt unsres besten Buben, da wäre das Unglück doch geringer.“

„Vater“, sagte Hans, „lass mich hinziehen, ich will’s auch probieren.“ Aber der Vater wollte nicht, denn was dem Klugen misslingt, wie führte das der Ungeschickte zu Ende? Da der Vater ihm Roß und Wehr versagte, machte Hans sich heimlich auf und wanderte wohl drei Tage denselben Weg zu Fuß, den der Bruder an einem geritten war. Aber er fürchtete sich nicht, und schlief des Nachts auf dem weichen Moos unter den grünen Zweigen so sanft wie unter dem Dach seiner Eltern; die Vögel des Waldes scheuten sich nicht vor ihm, sondern sangen ihn in Schlaf mit ihren besten Weisen.

Als er nun an die Ameisen kam, die beschäftigt waren ihren neuen Bau zu vollenden, störte er sie nicht, sondern wollte ihnen helfen, und die Tierchen, die an ihm hinaufkrochen, las er ab ohne sie zu töten, wenn sie ihn auch bissen. Die Enten lockte er auch ans Ufer, aber um sie mit Brosamen zu füttern; den Bienen warf er die frischen Blumen hin, die er am Wege gepflückt hatte.
So kam er fröhlich an das Königsschloss und pochte bescheiden am Schalter. Gleich tat die Türe sich auf und die Alte fragte nach seinem Begehr. „Wenn ich nicht zu gering bin, möchte ich es auch versuchen die schöne Prinzessin zu erlösen“, sagte er. „Versuche es, mein. Sohn“, sagte die Alte, „aber wenn du die drei Proben nicht bestehst, kostet es dein Leben.“ „Wohlan, Mütterlein“, sprach Hans, „sage, was ich tun soll.“

Jetzt gab die Alte ihm die Probe mit dem Leinsamen. Hans war nicht faul sich zu bücken, doch schon schlug es drei Viertel und das Fäßchen war noch nicht halb voll. Da wollte er schier verzagen; aber auf einmal kamen schwarze Ameisen mehr als genug und in wenigen Minuten lag kein Körnlein mehr auf der Wiese.

Als die Alte kam, sagte sie:

„Das ist gut!“

und warf die zwölf Schlüssel in den Teich, die sollte er in einer Stunde herausholen. Aber Hans brachte keinen Schlüssel aus der Tiefe; so tief er auch tauchte, er kam nicht an den Grund. Verzweifelnd setzte er sich ans Ufer; da kamen die zwölf Entchen herangeschwommen, jede mit einem goldenen Schlüsselchen im Schnabel, die warfen sie ins feuchte Gras. So war auch diese Probe gelöst, als die Alte wiederkam, um ihn nun in den Saal zu führen, wo die dritte und schwerste Probe seiner harrte.

Verzagend sah Hans auf die drei gleichen Schleiergestalten; wer sollte ihm hier helfen? Da kam ein Bienenschwarm durchs offene Fenster geflogen, die kreisten durch den Saal und summten um den Mund der drei Verhüllten. Aber von rechts und links flogen sie schnell wieder zurück, denn die Drachen rochen nach Pech und Schwefel, wovon sie leben; die Gestalt in der Mitte umkreisten sie alle und surrten und schwirrten leise: „Die Mittle, die Mittle.“ Denn da duftete ihnen der Geruch ihres eigenen Honigs entgegen, den die Königstochter so gern aß.

Die verzauberte Prinzessin erlöst

Also, da die Alte wiederkam nach einer Stunde, sprach Hans ganz getrost: „Ich wähle die Mittle.“ Und da fuhren die bösen Drachen zum Fenster hinaus, die schöne Königstochter aber warf ihren Schleier ab und freute sich der Erlösung und ihres schönen Bräutigams. Und Hans sandte dem Vater der Prinzessin den schnellsten Boten und zu seinen Eltern einen goldenen Wagen mit sechs Pferden bespannt und sie alle lebten herrlich und in Freuden, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.

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